Mut zur Lücke (Teil 2)

Hier geht es zu dem ersten Teil des Artikels.

Alles fließt, meinten schon die Philosophen Heraklit und Platon. Vor allen Dingen die Zeit. Sie fließt dahin, unentwegt, stetig – Tage, Wochen, Jahre. Haben Sie auch manchmal das Gefühl, dass eine Woche gar nichts mehr ist – schwupps, schon wieder vorbei? Und dass nach dem Sommer bald schon wieder Weihnachten kommt? Alltagstätigkeit auf Alltagstätigkeit, Projekt auf Projekt, Besprechung auf Besprechung... Immer das Gleiche.   

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3. Zeitinseln schaffen – sich aus dem Alltag ausklinken

Das Stoppen und eine Lücke schaffen ist der erste Schritt, damit ich mich aus dem stetigen Strom befreien kann und wieder intensiv wahrnehmen kann. Je mehr ich das übe, desto eher wird es mir gelingen, mir regelmäßige Zeiten im Alltag zu nehmen, die kleinere und größere Pausen vom Alltagsgeschehen bieten. Dr. Marco von Münchhausen empfiehlt folgendes:

kleine Zeitinseln von 5 bis 15 Minuten am Tag

Am Morgen, zwischendrin, in der alltäglichen Arbeit, am Abend kurz innehalten, zu sich kommen, den Augenblick bewusst wahrnehmen, vielleicht einfach ein paar bewusste Atemzüge nehmen, einen kurzen Spaziergang machen, Musik hören, einen kurzen erbaulichen Text lesen... Die Inseln planen hilft, nicht einfach vom Alltagsstrom mitgerissen zu werden. Dann die Inseln bewusst ansteuern und kurz „aussteigen“.

mittlere Zeitinseln von 1 bis 2 Stunden am Tag/in der Woche

Im Garten arbeiten, ins Museum gehen, mit einem guten Freund zusammen essen, tanzen, in einen Gottesdienst gehen, ein gutes Buch lesen... Diese Inseln fallen eventuell leichter. Auch hier gilt: Je regelmäßiger desto besser!

größere Zeitinseln von 1 bis 2 Tagen in der Woche/im Monat

Eine Wanderung oder Exkursion machen, ein Aufräumwochenende daheim, einfach nur für sich sein... Es gibt Menschen, die einen Tag in der Woche für sich brauchen, um ihren Energietank wieder aufzuladen. Nur Mut, dass darf sein!

große Auszeit von 1 bis 3 Wochen ein- bis zweimal im Jahr

Einen Urlaub in der Natur, eine Pilgerwanderung, eine Auszeit im Kloster... Je länger die Auszeit, desto größer der Erholungswert. Ab drei Wochen, wenn vielleicht so etwas wie Langeweile aufkommt, ist die körperliche und seelische Regeneration am umfassendsten.

Niemand wird für Sie diese Inseln ausfindig machen und organisieren! Sie müssen es schon selbst tun. Aber diese kleine Anstrengung lohnt sich.

4. Absichtslos verweilen – einfach nur sein

Wenn Sie die Qualität der Auszeiten noch mehr interessiert, können Sie mit Absichtslosigkeit experimentieren. Die Zeitinseln, die Sie regelmäßig ansteuern, können immer mehr zu „freien Zeiten“ werden, die keinerlei Zweck haben. Ein Museumsbesuch ist sicher entspannend, am meisten aber, wenn Sie einfach nur dorthin gehen, um dort zu sein und wahrzunehmen, was ist. Wenn Sie den Hintergedanken haben, dabei etwas dazuzulernen, ist dieses Erleben schon nicht mehr absichtslos. Wenn Sie stattdessen einfach nur so dort sind und jeden Nutzen oder Zweck ausblenden, dann können Sie auch hier Lücken-Kompetenz trainieren. Und der eigentliche Nutzen, nämlich eine Zunahme von Freiraum und Entspannung, stellt sich von selbst ein... Je mehr Sie sich hineinfallen lassen in diese Absichtslosigkeit, in das pure Sein, desto mehr wird sich nach und nach Ihre Sicht der Dinge, Situationen und Anforderungen verändern und Sie werden eine entspanntere Haltung bekommen.

5. Rituale statt Routine – bewusst zelebrieren

Routineabläufe und Rituale haben gemeinsam, dass sie immer gleich ablaufen. Dieselben Handlungen werden immer in derselben Art und Weise absolviert, ob das der Einbau eines Kotflügels an der Auto-Fertigungsstraße oder das Sprechen des Vater unsers in der Kirche ist. Der Unterschied besteht darin, wie bewusst ich das tue, was ich tue. Den Kotflügel kann ich nach dem tausendsten Mal einbauen ohne nachzudenken, wie das geht. Ich bin vielleicht mit den Gedanken ganz woanders, in der Vergangenheit oder der Zukunft oder einer parallelen Gegenwart. Ein Ritual ist dann wirkungsvoll, wenn ich es bewusst und achtsam vollziehe, mit meiner Wahrnehmung ganz dabei, alle Facetten davon auskostend. So kann das Vater unser zu einem Ritual werden, dass eine Lücke bildet im Alltagsgeschehen – ein Eintauchen und Zelebrieren der Worte und ihrer Bedeutung für mich persönlich.   

Mut tut gut

„Wo die Angst ist, da ist der Weg“, lautet ein bekannter Spruch. Tatsächlich ist Angst ein kompetenter Hinweiser auf Kompetenzen. Wenn ich genau das tue, wovor ich Angst habe, werde ich merken, dass ich genau das doch kann und die Angst mir nur als Hindernis im Weg war. Dieser Mut, es dennoch zu tun, lohnt sich. Denn die Angst schwindet und die Freude am gewonnenen neuen Handeln nimmt zu, wenn ich meinen Befürchtungen begegne. Wenn ich etwas nicht könnte, hätte ich auch keine Angst davor.

Michael H. ist an diesem Punkt. Er hat erkannt, dass Lücken-Kompetenz für ihn wichtig ist, um seine Automatismen im Denken, Fühlen und Handeln zu unterbrechen und dadurch neu entscheiden zu können. Jetzt braucht er den Mut, sich diese Lücken zu schaffen. Auch gegen seine Befürchtungen und Vorbehalte. Noch ist er darin ein wenig wacklig, mal geht es, mal nicht. Aber er hat bereits erlebt, wie gut ihm der Spaziergang in der Natur tut, hat die positiven Auswirkungen für Körper, Geist und Seele gespürt. Und das wird ihm helfen, langsam und stetig neue „Autobahnen“ im Gehirn zu bauen. Diese wird er nicht im Autopilot-Modus, sondern bewusst entlang fahren, mit Zeitinseln und Ritualen, die er in seinen Alltag einplant.

Vielleicht mögen Sie wie er die folgende Übung ausprobieren, um Lücken besser wahrzunehmen:

Lücken-Übung

Hören Sie ein Hörbuch und achten Sie dabei auf die Pausen, die Zeiten, in denen nichts zu hören ist.

• Wie oft geschieht das?

• Wie verschieden lang sind diese Pausen?

• Wann gibt es eine Pause?

• Was bewirkt, was verändert diese Pause?

• Was wäre, wenn sie an dieser Stelle nicht da wäre?

• Wo fehlt Ihnen eine solche Lücke im gesprochenen Text?

Ich wünsche Ihnen ein neues Bewusstsein für den Schatz, den wir in Lücken haben und in dem, was sie ermöglichen. Letzten Endes ist nicht entscheidend, dem Leben mehr Tage, sondern den Tagen mehr Leben hinzuzufügen.

In diesem Sinne: Haben Sie mehr Mut zur Lücke!

Karin Dölla-Höhfeld, www.doella-hoehfeld.de

Dieser Artikel ist zuerst erschienen in authentisch leben.

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