Eine wahre Geschichte vom Leben und Sterben
/Überraschendes Anliegen
Eine Nachricht vom Freund aus Kindertagen, nachdem ich ihm zum Geburtstag gratuliert habe. Mein Wunsch für ihn: dass es ein neues Lebensjahr mit vielen Aktivitäten wird, die tief mit ihm und seinem Herzen zu tun haben. Und dass das Wesentliche für ihn aufscheint und ihn beschenkt.
Er schreibt, dass er gern mal mit mir und Günther telefonieren und „über philosophische Fragen sprechen“ würde. Ein Termin wird ausgemacht, gespannt sitzen wir am Telefon. Wir hatten vielleicht dreimal Kontakt, nachdem unsere Wege in unserer Jugend auseinandergingen. Zufällige Begegnungen, ein Gespräch über den Atlantik.
Das wichtigste Jahr
Jetzt fragt er, wie es uns geht, erzählt ein wenig von seinem beruflichen Alltag. Und dann sagt er: „2017 war für mich das wichtigste Jahr bisher.“ Wir schauen uns an. Was kommt jetzt? Er berichtet von einem Buchprojekt, das er zusammen mit seiner Frau auf den Weg gebracht hat. Und dass es eine Gerichtsverhandlung gab, bei der er als Zeuge aussagen musste. Im Mai war er deswegen in Deutschland.
Dann beschreibt er detailliert, wie er vor dem Gerichtssaal sitzt und wartet. Wie er plötzlich merkt, dass etwas in ihm merkwürdig wird. Wie er sich hinsetzt, seine Krawatte auszieht, seinen Gürtel. Wie er zu umstehenden Menschen sagt: „Jetzt können Sie den Rettungswagen rufen.“ Und wie er dann gestorben ist.
Plötzlich ist alles anders
Er findet schwer Worte für das, was mit ihm geschehen ist. Das äußere Geschehen: Er hat einen Herzstillstand, wird über zehn Minuten wiederbelebt. Kommt ins Krankenhaus, liegt dort im Koma und muss künstlich am Leben erhalten werden. Sein Sohn wird benachrichtigt, seine Frau.
Sein Erleben: Er geht in eine andere Welt voller Licht und voller bedingungsvoller Liebe. Ein wunderbarer Ort, wo er sich so wohlfühlt wie sonst nirgendwo. Besser als das schönste Verliebtsein. Dort sind andere Wesen, mit denen er sprechen kann. Sie fragen ihn, ob er bleiben oder zurück auf die Erde möchte.
Zurück in die Welt
Er möchte zurück, aber nur, wenn er danach ohne gesundheitliche Probleme weiterleben kann. Nur bei einem Bruchteil aller Patienten mit Herzstillstand ist das der Fall, wie er später erfährt. Ihm wird „oben“ versichert , dass das möglich ist. Daraufhin geht er zurück ins irdische Leben. „Du musst atmen!“ sagt ihm seine Frau, doch er weiß erst nicht, wie das geht. Endlich gelingt es ihm, und er wacht aus dem Koma auf. Nach drei Wochen wird er gesund entlassen.
Diese Erfahrung, hier nur bruchstückhaft erzählt, verändert ihn. Vieles, das für ihn vorher wichtig war, ist es jetzt nicht mehr: ständiges Erreichbarsein, Erfolg im Beruf, der Fokus nur auf dem Arbeiten. Er hat eine andere, wichtigere Realität kennengelernt, die nun in sein Leben hineinstrahlt. Und zu anderen Menschen hin.
Schockierendes Geschehen
Er würde seine Geschichte nicht oft erzählen, meint er. Nicht jeder würde das verstehen, glauben, ernst nehmen. Aber er hatte den Eindruck, er soll sie uns erzählen, warum auch immer. Natürlich hat er inzwischen über Nahtoderfahrungen recherchiert, hat entsprechende Foren im Internet gefunden, Bücher und Experten. Eigentlich interessiert ihn das alles nicht.
Nach seinem Satz „Dann bin ich gestorben“ bin ich erst einmal ziemlich geschockt; mit vielem habe ich gerechnet, damit nicht. Langsam sackt es bei mir, dass mein Gesprächspartner etwas Außergewöhnliches erlebt hat, dass er anscheinend in die Sphären eingetaucht ist, die nach dem Tod auf uns warten. Er ist vertrauenswürdig, erzählt keinen Hokuspokus, ist vorsichtig und genau bei seiner Wortwahl. Ich glaube ihm.
Im Herzen berührt
Seine Geschichte berührt mich tief. Er ist Ende 50, so alt wie ich. Eigentlich zu jung zum Sterben. Und innerhalb von Sekunden ist er tot, weg, Historie. Jedem kann es so gehen. Niemand weiß, wie lange seine Zeit hier auf der Erde währt. Umso wichtiger ist es, was wir mit unserer Lebenszeit machen, die uns geschenkt ist.
Ich bin sehr dankbar dafür, dass er sein Erlebnis mit uns geteilt hat. Es hat mich gestärkt und ermutigt, was er erzählt hat. Es hat meinen Blick wieder aufs Wesentliche gerichtet. Ich freue mich, dass ich jetzt lebe und diesen Tag bewusst genießen kann.
Die Frage zum Nachdenken:
• Wenn dieser Tag mein letzter wäre - wie möchte ich ihn gestalten?
Praxistipp:
• Bleiben Sie nicht im alltäglichen Autopiloten, sondern schalten Sie immer wieder Pausen ein. Halten Sie zwischendurch inne und entscheiden Sie dann bewusst, wie Sie weitermachen wollen.
Autor: Karin Dölla-Höhfeld, 18.12.2017, www.hoehfelds-hof.de